Der Mann ist schon eine ganze Weile im Geschäft: Bruno Richle (Bild), der gelernte Elektroingenieur, hat 1996 in einem Management Buy-out von der Teleinform Bubikon zusammen mit weiteren Partnern die Delta Consulting Group Bubikon gegründet, zunächst in der Absicht, zusammen mit der St. Galler Delta Consulting Group gemeinsame Sache zu machen. «Die Verbindung haben wir 1999 aufgegeben, weil die Zusammenarbeit nicht über eine Marketingkooperation hin-aus gediehen ist», sagt Richle diplomatisch zu IT Reseller. Tatsache war, dass man sich nicht über den wert-mässigen Anteil der zu fusionierenden Firmen einig wurde, und deshalb lancierte Richle den Alleingang unter dem heutigen Namen
Crealogix. Der St. Galler Namensvetter fusionierte später mit der Lausanner MMD zum heute grössten Webdienstleister
Namics.
Hauptkunde Credit Suisse
Zusammen mit seinem damals grössten Kunden Credit Suisse realisierte
Crealogix schon Ende der neunziger Jahre für die damalige Zeit innovative Lösungen wie beispielsweise die erste TV-Banking-Lösung «Web-over-TV», die das noch kleine Unternehmen zusammen mit der Credit Suisse, Ergon und
Sun Microsystems an der bedeutenden US-Bankenmesse «Retail Delivery» vorstellte. Es folgten zusammen mit der Credit Suisse weitere wegweisende Lösungen wie Youtrade und Yourhome.
Im Gegensatz zu vielen anderen Webdienstleistern realisierte Richle nach dem Platzen der Internetblase nicht nur, dass er die Firmengrösse und -struktur den veränderten Marktbedingungen anpassen musste, sondern dass für das Überleben der Firma eine Ausrichtung auf weitere Nischenmärkte unumgänglich ist. Zwar wurde von diversen Seiten nach dem Börsengang im Jahr 2000 gestichelt, der Crealogix-Boss wisse nichts mit den 50 Millionen Franken Cash, die er durch den IPO in die Kriegskasse gespült hatte, anzufangen. Richle blieb aber (zumindest gegen aussen) gelassen und verteidigte sich mit dem Argument, er sei nicht bereit, um jeden Preis Firmen zu übernehmen, die entweder dem Untergang geweiht seien, völlig überhöhte Kaufpreis-Vorstellungen hätten oder die schlicht nicht in seine Wachstumsstrategie passten.
Kombi aus ERP- und E-Business
Doch dann zeichnete sich irgendwann ab, was Richle mit
Crealogix im Sinn hat: Nach der Übernahme der im Mobile-Business tätigen Rixxo verkündete er 2004 die neue Unternehmensstrategie: ERP- und E-Business sollten die Erfolgsformel für die Zukunft sein. Richle stieg, zunächst mit einer Minderheitsbeteiligung, bei der Circon-Gruppe, dem Marktführer für Microsoft-Axapta-Lösungen, ein. Heute besitzt Crealogix eine Mehrheitsbeteiligung an
Circon und an der Balzano Informatik.
Und um in der Schweiz auch die Nummer 1 im Bereich E-Banking zu werden, schnappte sich Richle 100 Prozent der Aktien der Zürcher hmi Informatik und damit nicht nur deren Kunden, sondern auch das heute etablierte E-Banking-Modul zu Avaloq.
Vor kurzem landete Richle nun seinen Streich: Durch den kürzlichen Kauf von C-Channel baute er nun die Marktposition von Crealogix im E-Banking-Bereich weiter aus.
Ein Gebilde, das wachsen muss
In den letzten Jahren ist die
Crealogix nun also durch die vielen Übernahmen zu einem Gebilde herangewachsen, das aus verschiedensten Einheiten besteht. Doch welchen Einfluss hat das Management dieser Gruppengesellschaften auf die Entscheidungsfindung von Richle respektive der Gruppengeschäftsleitung? Man wolle das Potential der durch die Akquisi-tionen gewonnenen Kader und Spezialisten gerne nutzen, sagt der Crealogix-Boss. «Bei der Entscheidungsfindung habe ich gerne Leute um mich, die keine Ja-Sager sind», meint er, um sogleich zu präzisieren: «Ich liebe es, mit Leuten zu arbeiten, die während der Entscheidungsfindung hart und offen für ihre Ideen kämpfen, danach aber ebenso konsequent den Entscheid mittragen und umsetzen.»
Richle will das Unternehmen innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre auf eine Grösse von rund 100 Mio. Franken Umsatz wachsen lassen, durch weitere Zukäufe notabene: «Dies sollte realistisch sein, da wir auf keine externe Hilfe angewiesen sind», sagt der Crealogix-Chef in Anspielung auf das noch reichlich vorhandene Geld aus dem Börsengang. Richle zielt auf eine Verstärkung der beiden Säulen E-Business und ERP ab mit dem Ziel, «im deutschsprachigen Europa ein etablierter Marktteilnehmer zu werden». Eine weitere Diversifikation stehe zurzeit nicht im Vordergrund.
Bruno Richle
Bruno Richle (49) ist verheiratet und hat zwei Söhne im Alter von 9 und 12 Jahren. Nach seinem Studium 1984 als Elektroingenieur mit einer Spezialisierung in Informatik und Nachrichtentechnik war Richle bei der Oerlikon Bührle als Elektroingenieur im Bereich lasergestützte Lenkwaffensysteme tätig. 1986 übertrug man ihm die Leitung der Abteilung «Electronic Engineering» bei der Oerlikon Aerospace in Montreal, Kanada. Von 1990 bis 1996 war er technischer Direktor und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Teleinform AG in Bubikon, wo er den Bereich Telematik-Consulting aufbaute. Im Sommer 1996 gründete er im Rahmen eines MBO zusammen mit drei weiteren Partnern die heutige
Crealogix AG.
Arbeit, Freizeit und Vergnügen
Der Crealogix-CEO steht jeden Tag um 6.50 Uhr auf, arbeitet pro Tag ca. 9 bis 10 und pro Woche ca. 50 bis 55 Stunden (inkl. 5 bis 8 Stunden am Wochenende). Er spielt zwei bis drei mal pro Woche Tennis. Dazu leistet er sich seit Jahren einen Tennislehrer, welcher mit ihm nach 21 Uhr noch Tennis spielt. Am Wochenende ist Breitensport mit der Familie angesagt, im Winter Skifahren und Indoor Tennis, im Sommer Segeln mit dem eigenen Segelboot und Tennis, Velofahren und Vitaparcour. Spielt Schlagzeug (Jazz oder Jazz-Rock): «Nicht live, sondern im Keller, wo es niemand stört.»
Gedanken zum Internet
«Von der irrigen Meinung, dass durch die Arbeitsverteilung vom Mensch auf die Maschine das Leben leichter werde, muss man Abschied nehmen. Wir werden immer mehr in noch kürzerer Zeit leisten müssen, um unsere Marktpositionen verteidigen zu können. Ein Ausbau neuer Informationsdienste wie
Google ist zu erwarten. Im Applikationsumfeld werden vermehrt ASP-Lösungen auf uns zukommen. Dieser Markt steht erst am Anfang.» (mh)